Das nächste Kapitel

Arbeitstitel: Schweigen


Langversion

Setzung

Schweigen ist keine Abwesenheit von Haltung, sondern eine Handlung, die Ordnung schützt.

Die neue Arbeit geht von der Annahme aus, dass gesellschaftliche Ordnungen nicht allein durch Zustimmung oder Gewalt stabil bleiben, sondern wesentlich durch das Schweigen der Vielen. Schweigen wird hier nicht als passives Nichthandeln verstanden, sondern als aktive Praxis, die Normalität produziert, Konflikte unsichtbar macht und bestehende Verhältnisse absichert.

Ausgangspunkt

Das Projekt entsteht aus der langjährigen Auseinandersetzung mit Landschaft, Heimat und Zugehörigkeit. Frühere Arbeiten – Website, SocialMedia, Ausstellung und Buch – waren Annäherungen: Beobachtungen, Verdichtungen, Versuche des Verstehens.

Mit dieser Arbeit verlasse ich bewusst den Modus der Annäherung. Statt nach Bedeutung zu suchen, setze ich eine Haltung.

Ausgangspunkt ist mein persönliches Unbehagen angesichts globaler Krisen, des Klimawandels und wiedererstarkender nationalistischer Bewegungen – weniger ausgelöst durch laute Extreme als durch die Stille der Mehrheit. Das Projekt fragt nicht nach Schuld oder Ideologie, sondern nach den Bedingungen, unter denen das Schweigen zur stabilisierenden Kraft wird.

Gegenstand

Die Arbeit zeigt Orte funktionierender Ordnung: gepflegt, ruhig, plausibel, scheinbar konfliktfrei. Es sind keine Orte des Ereignisses, sondern des Alltags. Keine Bilder des Skandals, sondern der Selbstverständlichkeit.

Der ursprüngliche Entstehungsraum – eine kultivierte, historisch gewachsene Landschaft – dient dabei nicht als Thema, sondern als Modell. Das Gezeigte ist lokal verankert, aber bewusst nicht lokal lesbar. Die Arbeit beansprucht keine regionale Aussage, sondern eine strukturelle.

Künstlerische Umsetzung

Die Bilder vermeiden jede Form der direkten Anklage oder Illustration politischer Inhalte. Menschen erscheinen, wenn überhaupt, nur als Spuren. Es gibt keine dramatischen Motive, keine Symbolik, keine offensichtlichen Hinweise auf Krisen oder Konflikte.

Die visuelle Sprache ist kontrolliert, ruhig und wiederholend. Gerade diese Stimmigkeit ist bedeutend: Das Unbehagen entsteht nicht im Motiv selbst, sondern im Bewusstsein, dass nichts zu fehlen scheint.

Texte werden – wenn überhaupt – nicht erklärend eingesetzt. Sie rahmen nicht, sie erläutern nicht, sie geben keine Deutung vor. Die Arbeit vertraut darauf, dass das Schweigen der Bilder eine aktive Rolle übernimmt.

Wirkung

Die Arbeit zielt nicht auf Empörung oder Identifikation. Sie zielt auf Irritation.

Das Unbehagen soll sich zeitversetzt einstellen – als Frage an das eigene Sehen:
Was bleibt hier ungesagt?
Was ermögliche ich durch mein Schweigen?

Die Arbeit versteht das Publikum nicht als Betrachter, sondern als Teil der Ordnung, die sie zeigt.

Kontext

„Schweigen“ positioniert sich im Spannungsfeld von zeitgenössischer Landschaftsfotografie, politischer Bildpraxis und Fragen nach Verantwortung im Anthropozän. Sie verweigert sich der Bebilderung von Krisen und richtet den Blick stattdessen auf die Normalität, in der diese Krisen möglich bleiben.

Die Arbeit ist offen für unterschiedliche Präsentationsformen (Ausstellung, Buch, Installation), bleibt jedoch in jeder Form an ihre zentrale Setzung gebunden.

Arbeitsprinzip

Ich zeige nicht, was gesagt wird, sondern was durch Schweigen möglich wird.


Kurzversion

Schweigen

Schweigen ist keine Abwesenheit von Haltung, sondern eine Handlung, die Ordnung schützt.

Diese Arbeit untersucht Schweigen als aktive gesellschaftliche Praxis. Nicht als Mangel an Sprache, sondern als Handlung, die Normalität herstellt, Konflikte unsichtbar macht und bestehende Ordnungen stabilisiert. Schweigen wird hier nicht moralisch bewertet, sondern als strukturelle Bedingung verstanden.

Ausgangspunkt ist ein persönliches Unbehagen angesichts globaler Krisen, des Klimawandels und wiedererstarkender nationalistischer Tendenzen – weniger ausgelöst durch extreme Positionen als durch das Schweigen der Mehrheit. Die Arbeit richtet ihren Blick nicht auf das Ereignis, sondern auf die stille Infrastruktur, die es möglich macht.

Gezeigt werden Orte funktionierender Ordnung: ruhig, gepflegt, plausibel, scheinbar konfliktfrei. Keine Bilder von Krise oder Protest, keine sichtbare Anklage. Menschen erscheinen – wenn überhaupt – nur indirekt, als Spuren. Die visuelle Sprache ist kontrolliert, wiederholend und bewusst unaufgeregt. Gerade diese Stimmigkeit ist entscheidend: Das Unbehagen entsteht nicht im Motiv, sondern im Bewusstsein, dass nichts zu fehlen scheint.

Texte werden nicht erklärend eingesetzt. Die Arbeit verzichtet auf politische Begriffe und eindeutige Rahmung. Sie vertraut darauf, dass das Schweigen der Bilder selbst wirksam wird.

Der ursprünglich lokale Entstehungsraum dient dabei nicht als Thema, sondern als Modell. Die Arbeit beansprucht keine regionale Aussage, sondern eine strukturelle Lesbarkeit. Sie versteht das Publikum nicht als außenstehenden Betrachter, sondern als Teil jener Ordnung, die sie zeigt.


Mikro-Pitch

Schweigen ist keine Abwesenheit von Haltung, sondern eine Handlung, die Ordnung schützt.

Diese Arbeit untersucht Schweigen als aktive gesellschaftliche Praxis, die Normalität herstellt und Konflikte unsichtbar macht. Gezeigt werden Orte funktionierender Ordnung: ruhig, gepflegt, plausibel, scheinbar konfliktfrei. Die Arbeit verzichtet bewusst auf Bebilderung von Krise, Protest oder Schuld und richtet den Blick auf die Bedingungen, unter denen diese möglich bleiben. Das entstehende Unbehagen richtet sich nicht auf das Gezeigte, sondern auf die eigene Position innerhalb dieser Ordnung.


Arbeitswerkzeuge

Regeln

  • Ich arbeite nicht über das, was falsch läuft, sondern über das, was so gut funktioniert, dass niemand widerspricht.

  • Ich zeige Ordnung, nicht um sie zu feiern, sondern um sichtbar zu machen, wie viel Schweigen nötig ist, um sie zu erhalten.

  • Wenn ein Bild tröstet, erklärt oder moralisch entlastet, widerspricht es der Arbeit.

  • Ich verzichte auf Dringlichkeit, weil sie Verantwortung verschiebt.

  • Das Unbehagen soll nicht im Motiv liegen, sondern im Wissen, dass ich dazugehöre.

Schlüsselfrage

  • Schützt dieses Bild Ordnung – oder macht es das Schweigen darin sichtbar?

Begründung: Die Bilder müssen Ordnung schützen. Das Werk muss Schweigen sichtbar machen. Wenn Bilder Schweigen sichtbar machen, im Sinne von:

  • Leere markieren

  • Abwesenheit zeigen

  • „Hier fehlt etwas“ suggerieren

dann passiert Folgendes: Das Publikum erkennt das Schweigen im Bild → und ist nicht mehr Teil davon. Das wäre bequem. Und genau das will ich vermeiden.

Die Setzung lautet nicht:

„Schweigen ist sichtbar.“

Sondern:

„Schweigen wirkt.“

Und Wirkung heißt:

  • Ordnung bleibt stabil

  • alles scheint zu funktionieren

  • nichts fordert Widerspruch

Deshalb müssen die einzelnen Bilder:

  • ruhig sein

  • korrekt sein

  • plausibel sein

  • anschlussfähig sein

Sie dürfen nicht verraten, dass sie kritisch sind.

Schweigen wird nicht im Einzelbild sichtbar. Nicht im Motiv. Nicht in der Ästhetik.

Sondern:

  • im Zusammenhang

  • in der Wiederholung

  • in der Konsequenz

  • im Fehlen jeder Fluchtlinie

Das Schweigen wird sichtbar als System, nicht als Zeichen.

Eine hilfreiche Denkfigur

Ich stelle mir vor, jemand sagt nach dem Besuch:

„Ich habe nichts Verstörendes gesehen.“

Dann fragt sich diese Person später:

„Warum lässt mich das nicht los?“

Genau dort beginnt das Werk zu funktionieren.

Wenn jemand sagt:

„Das ist kritisch gemeint, oder?“

dann hab ich zu viel gezeigt.

Jedes einzelne Bild schützt Ordnung. Die Serie unterläuft sie.

Das ist die Spannung, die ich brauche.

Wenn ich vor einem Bild steht, frage ich mich nicht:

„Macht es Schweigen sichtbar?“

Sondern:

„Könnte man dieses Bild ernsthaft
für harmlos, richtig, normal halten?“

Wenn nein → raus.
Wenn ja → Kandidat.

Das Unbehagen darf erst später, außerhalb des Bildes, im Kopf der Betrachtenden entstehen.

Wenn die Bilder selbst kritisch wirken, ist das Publikum entlastet. Wenn die Bilder Ordnung schützen, muss das Publikum selbst entscheiden, ob es weiter schweigt.

Das ist der Kern des Werks.

Bilderverbote

Keine Bilder, die Empathie anbieten.

Alles raus, was:

  • rührt

  • tröstet

  • melancholisch „schön“ ist

  • ein warmes Gefühl von Zugehörigkeit erzeugt

Begründung: Empathie entlastet. Diese Arbeit darf nicht entlasten.

Keine Bilder, die Konflikt sichtbar machen

Keine:

  • offensichtlichen Brüche

  • Ruinen, Zäune, Warnzeichen

  • „Risse in der Idylle“

  • ironischen Hinweise

Begründung: Sichtbarer Konflikt beruhigt das Publikum: „Ach so, darum geht es.“ Das widerspricht der Setzung.

Keine Bilder, die mich moralisch absichern

Alles raus, was signalisiert:

  • „Ich sehe das kritisch“

  • „Ich stehe auf der richtigen Seite“

  • „Ich habe es verstanden“

Begründung: Das Werk darf keine moralische Fluchtlinie anbieten. Ich bleibe mitverstrickt, nicht über den Dingen.

Anti-Text

  • Diese Arbeit ist kein Kommentar zur aktuellen Politik.

  • Sie ist keine Warnung, keine Anklage und kein Aufruf zum Handeln.

  • Sie zeigt nicht die Opfer, nicht die Täter und nicht die Krisen.

  • Sie behauptet nicht, es besser zu wissen.

  • Sie fragt nicht: Was läuft falsch? Sie zeigt: Was läuft so reibungslos, dass niemand spricht.

  • Wenn jemand sagt, „Das ist doch harmlos“, dann ist genau das der Punkt.

Selbsttest

Könnte dieses Bild

  • auch in einem Kalender,

  • einem Tourismusprospekt

  • oder einem Heimatbuch funktionieren?

Wenn ja → raus. Weil es das Schweigen normalisiert, statt es offenzulegen.


Notizen und Sätze

Ich fotografiere nicht, um etwas zu sagen.
Ich fotografiere, weil das Schweigen bereits spricht.

Dieses Projekt urteilt nicht über andere. Es verpflichtet mich selbst.

Oder noch schärfer:

Ich entziehe mich der moralischen Geste, um die moralische Verantwortung nicht loszuwerden.

Das Projekt handelt nicht von Heimat.
Heimat ist nur das Feld, in dem Schweigen operiert.

„Könnte jemand sagen:
Das ist doch einfach nur ruhig und ordentlich
und hätte damit recht?“

Wenn ja → noch nicht weit genug.
Wenn nein → auf Kurs.

Setzung
Schweigen ist keine Abwesenheit von Haltung, sondern eine Handlung, die Ordnung schützt.

Wirkung
löst Unbehagen aus

Geltungsraum
→ Klimawandel, globale Verwerfungen, Nationalismus
→ das Schweigen der Vielen als stabilisierende Kraft des Falschen

Das Werk handelt nicht von:

  • Klimawandel

  • Nationalismus

  • Politik im engeren Sinn

Sondern von:

der Infrastruktur, die all das möglich macht:
dem gesellschaftlich akzeptierten Schweigen.


Bilder finden

1. Kein Bild darf Emotion anbieten.
Ruhe ja. Stimmung nein.
Wenn ein Bild tröstet → raus.

2. Keine sichtbare Anklage.
Kein Symbol, kein Zeigefinger, kein „man könnte es auch politisch lesen“.
Das Unbehagen muss nachträglich entstehen.

3. Ordnung ist verdächtig.
Je gepflegter, je richtiger, je stiller –
desto stärker muss das Bild eingesetzt werden.

Würde dieses Bild jemanden beruhigen? → gut

Könnte es problemlos übersehen werden? → gut

Würde es niemanden provozieren? → gut

Was nicht zu sehen ist

  • Kein Mensch

  • Kein Tier

  • Keine Maschine

  • Kein Müll

  • Kein Zeichen von Konflikt

  • Kein Symbol

  • Kein Ereignis

Und ganz wichtig:

Nichts fehlt sichtbar.

Zeigt das Bild eine funktionierende Ordnung?

Ist alles:

  • gepflegt

  • geregelt

  • nachvollziehbar

  • plausibel

Und denke ich beim Betrachten nicht:

„Hier stimmt etwas nicht.“

Denke ich:

„So sieht es hier eben aus.“

Dann bin ich am Punkt.

Das Schweigen liegt nicht:

  • im leeren Weg

  • im stillen Wasser

  • im Himmel

Sondern in der Tatsache, dass:

  • dieser Ort keine Frage stellt

  • nichts mich zwingt, Stellung zu beziehen

  • ich problemlos weitergehen könnte

Das Bild sagt nicht:

  • Das ist falsch

  • Das ist gefährlich

  • Das ist problematisch

Es bietet keinen Anlass zur Empörung.

Alles, was bereits Meinung ist,
darf nicht Motiv werden.

I. Tragfähige Motive

Wirken unauffällig, korrekt, funktional. Sie sagen nichts – und genau deshalb halten sie Ordnung.

  • Gehwege, Wirtschaftswege, Zufahrten
    → sauber, leer, seitlich geführt, ohne Zielpunkt

  • Parkplätze ohne Autos
    → Markierungen, Ordnung, Abwesenheit von Nutzung

  • Böschungen, Gräben, Teichränder
    → technisch gepflegt, nicht „natürlich“

  • Zäune ohne Funktion im Bild
    → sie sperren nichts sichtbar, sie sind einfach da

  • Bänke ohne Menschen
    → nicht romantisch, nicht einladend, einfach korrekt platziert

  • Straßenränder, Leitplanken, Übergänge
    → Infrastruktur ohne Ereignis

  • Normale Einfamilienhaus-Rückseiten
    → nichts Repräsentatives, nichts Privates, nichts Skandalöses

  • Felder nach der Nutzung
    → keine Arbeit sichtbar, aber klare Ordnung

👉 Das Motiv darf niemandem fehlen.

II. Gefährliche Motive

Nur verwenden, wenn sie nicht Thema werden.

  • Gabionen / Steingärten
    → oft schon Debatte, nur am Rand, nie isoliert

  • Schilder (auch harmlose)
    → Sprache ist laut; meist zu eindeutig

  • Fenster / Fassaden mit starker Spiegelung
    → schnell symbolisch („Innen / Außen“)

  • Kirchliches / Religiöses
    → sofort Deutungsebene

  • Grenzen / Markierungen
    → wenn sie etwas „sagen“, sind sie zu laut

  • Leere Spielplätze
    → emotional vorbeladen, schnell moralisch

👉 Würde jemand sofort wissen, „worum es geht“? Wenn ja → raus.

III. Tabu-Motive

Entlasten das Publikum oder laden moralisch auf.

  • Menschen in eindeutiger Haltung
    (arbeitend, protestierend, leidend, wartend)

  • Symbole politischer Extreme
    (Flaggen, Parolen, Graffiti)

  • Offensichtliche Umweltzerstörung
    (Müll, tote Tiere, Kahlschlag)

  • Dramatisches Licht / Wetter
    (Sonnenuntergänge, Nebel, Sturm)

  • Ironische Motive
    (Überzeichnung, „Augenzwinkern“)

  • Alles, was Empörung auslöst
    → Empörung ist Entlastung

👉 Wenn das Bild schon weiß, was es meint, ist es falsch.

Meta-Filter

Ich stell mir vor, jemand blättert schnell durch die Serie und sagt:

„Da passiert ja gar nichts.“

Wenn das ehrlich möglich ist → gut.
Wenn nicht → ich habe zu viel Bedeutung geliefert.

Weiter
Weiter

Das Buch